Ü 30 – das Ende ist erst der Anfang

Gibt es eine Midlifecrisis ab 30? Ihr ganzen Sozialforscher und Meinungsumfrager da draußen: Hat irgendjemand schon mal dieses Phänomen untersucht…?

Die dreißig habe ich ja schon seit einiger Zeit überschritten, bislang handelte es sich dabei auch tatsächlich nur um eine Zahl. Ich fühlte mich eigentlich noch recht straff – gute Gene, sagte meine Mama – und die mörderische Bodyshape-Unterwäsche kam nur bei besonderen Anlässen zur Anwendung. Täglich wiederholte ich artig meine Mantras: „Man ist nur so alt wie man sich fühlt“, „Dreißig ist das neue Zwanzig“ und so weiter und so fort. Klar freut man sich wie ein Grinsekater, wenn man an der Kasse nach dem Ausweis gefragt wird, weil man einen Cocktailabend für die Mädels vorbereitet. Insgeheim ahnte ich aber bereits länger, dass die nette Kassiererin vermutlich ihren „Heute-mache-ich-mal-jemanden-glücklich-Tag“ hat – oder mindestens minus zwei Dioptrien auf jedem Auge. Ganz schleichend bröckelte da auf einmal die Fassade, und ich stellte mir die Frage: Was passiert da gerade mit mir?

Gestern noch war ich bis nachts um vier in irgendeinem angesagten Laden „Party machen“. Im Stroboskoplicht zu eintöniger Hip-Hop-Mucke schlürfte ich lässig nen stylischen Cocktail.  Und plötzlich fühle mich alt – urzeitlich wie ein T. Rex zwischen den ganzen „Langhaar-Dutt-bauchfrei-Teenies“ mit verdammt dunklem Lippenstift und furchtbar engen High-Waist-Hosen. Mein Tanzstil: vorsinflutlich, mein Outfit anscheinend auch: Meinen Bauchnabel will hier keiner sehen (zugegeben, beim einen oder anderen Anschauungsbeispiel hätte ich auch drauf verzichten können, aber gut – es lebe das Selbstbewusstsein).

 

img-20161103-wa0001Aber anscheinend ist das erst der Anfang. Immer öfter lande ich auf einer dieser berühmt-berüchtigten Ü-30-Partys – und fühle mich pudelwohl – wie eine Göttin. Eine junge Göttin. Gerne verschenke ich auf der Toilette meine Blasenpflaster an andere High-Heel-Geplagte und ziehe im Schmeichellicht den Pferdeschwanz ein bisschen straffer, um die kleine Stirnfalte glatt zu ziehen. Da kann ich ungeniert meine albernen Tanz-Moves rausholen, bei Songs wie „Rhythm Is A Dancer“ oder „Insomnia“.

Wann bitte zwischen zu Hause ausziehen, studieren, feiern und leben bin ich denn „alt“ geworden? Oder heißt es „erwachsen“ geworden? Mein Trost: Mit dieser Frage stehe ich wohl nicht alleine da. Sehen wir jetzt mal von den Mamis unter uns ab: Die Glücklichen sind gerade beschäftigt mit Windeln wechseln, PEKIP und der neuen Beißringkollektion – keine Zeit für Zweifel, der Laden muss laufen. Aber wir anderen, wir Anfang- oder Mittdreißiger, die wir so langsam angekommen sind, in Beziehung oder Job, die Familienplanung zwar vielleicht auf der Liste, aber noch nicht mit Häkchen versehen – wir fragen uns, was kommt da jetzt? Rattanmöbel auf mediterraner Terrasse, gepflegter kleiner Garten, weißer Zaun, hässlicher dicker Hund inklusive Hütte?

Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, aber ich versuche es mal positiv zu betrachten: Ich kenne Menschen jenseits der 40, die auf mich glücklich und zufrieden mit sich und der Welt wirken, die nicht krampfhaft versuchen, auf Instagram-Duck-Face-Fotos zehn Jahre jünger auszusehen. Das sind meine neuen Helden, mit dieser Perspektive kann ich mich anfreunden.

Und wenn ich mal wieder zweifle, weil das Leben gerade so ein unheimliches Tempo vorlegt, wünsch ich mir eines: An alle Kassiererinnen und Türsteher auf dieser Welt: Bitte! Haltet es wie die Pfadfinder, vollbringt eine gute Tat am Tag, fragt mich nach meinem Ausweis!

 

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3 Kommentare

  1. Das kenne ich…bei meinem letzten Party-ausgeh-Abend musste ich auch mein Ausweis vorzeigen, nach anfänglicher Freude – dann die Enttäuschung…der Türsteher kommentierte meinen Ausweis mit den Worten: “Sie sind ja älter als ich…“

  2. Liebe Anna,
    das Mitte-Vierzig ist das neue Mitte-Zwanzig.
    Ach nee, doch nicht! Hoffentlich nicht! Die Lösung ist für mich: schaue nicht ständig in den Spiegel, sondern schaue nach vorne, da gibt´s noch andere Dinge als die neue Falte oder das neue Pölsterchen zu entdecken. Löse Dich ein Stück vom Optischen (das ist etwas, was Du immer weniger in der Hand haben wirst) und sehe die vielen anderen Qualitäten, die Dich für Andere und auch für Dich selbst attraktiv machen. Ein entscheidender Vorteil hat das Älter-Werden ganz sicher: Lebenserfahrung, und die sollte sich auch in einem Gesicht zeigen dürfen !

    1. Hallo Anne,
      vielen Dank für deinen Kommentar, das sind sehr schöne Gedanken und tatsächlich eine bessere Lösung als optische Selbstkritik 😉
      Liebe Grüße!

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