Morgenstund hat Gold im Mund?

Der frühe Vogel fängt den Wurm… Wer zuerst kommt, mahlt zuerst… – Bla bla bla. Diese Sprüche kenne ich zur Genüge. Schon als Kind hatte ich so meine Schwierigkeiten, zum Beispiel mit dem unmenschlich frühen Schulbeginn. Noch im Halbschlaf, mit Zahnpastaresten auf dem Mickymaus-Pulli, saß ich montagmorgens (erste Stunde: Mathe) in der letzten Reihe – mehr tot als lebendig. Kein Wunder, dass bis zur großen Pause so ziemlich jeder Bildungsauftrag schadlos an mir vorüberzog. Hätte ich wenigstens an den Wochenenden mal so richtig ausschlafen können, mindestens bis zehn – ich hätte ja nicht gemeckert. Aber als Bauernhofkind, so schön das (ab mittags) auch ist: Ausschlafen gehört da nicht zum Tagesgeschäft. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen… Von nichts kommt nichts… Bla bla bla. Zumindest im Phrasendreschen sind mir die Frühaufsteher haushoch überlegen. Leider auch sonst viel zu oft.

Mir scheint, die Frage nach der Uhrzeit beim Aufstehen ist kein Novum und die Gesellschaft scheint sich einig, schon immer. Da gibt es nur richtig oder falsch, gut oder böse, schwarz oder weiß. Da radeln früh morgens, noch im Halbdunkeln, durchtrainierte Manager mit strammen Waden zum Brötchenholen. Bergauf. Da sind in den Großraumbüros spätestens um acht alle Mails gecheckt, und wenn ich eintrudele, machen die ersten Beamten schon wieder Mittag – pünktlich um 12, versteht sich.

Wer früh aufsteht, ist fleißig, arbeitgeberfreundlich – und vor allem so herrlich angepasst. Um fünf nach acht bekommt man im Aufzug von Frühaufstehern schon die ersten „Ausreden“ zu hören:  „Hat heute Morgen etwas länger gedauert: 300 Bahnen Frühschwimmen“. Wir Langschläfer hingegen haben dann per se den Stempel FAUL auf den müden Augenringen. Dabei ist es doch eigentlich egal, wann am Tag ich meine Arbeit beginne, ok – es sei denn, ich bin Bäcker. Bin ich aber nicht. Warum beschleicht mich trotzdem jeden Morgen (also um 10) so ein ungutes Gefühl, wenn ich unter den kritischen Blicken der Nachbarschaft zaghaft die Rollläden hochziehe?

Die Emanzipation der Langschläfer.

In dem herrlich amüsanten Buch „Der frühe Vogel kann mich mal“ von Bettina Henning habe ich endlich den Ratgeber für jede spätabendliche „Eulen-Selbsthilfe-Gruppe“ gefunden. Neben der tröstlichen Tatsache, dass es auch „andere wie mich“ gibt, werden hier die Vorzüge meiner „Art“ herausgearbeitet. Denn man sagt uns so manches Gute nach: Kreativität, Ausdauer, Geselligkeit, um nur einige Vorzüge zu nennen. Tatsächlich hat es für mich persönlich nichts mit Faulheit zu tun, morgens länger liegen zu bleiben – denn dafür bin ich am Abend, wenn die meisten meiner Frühaufsteher-Kollegen schon auf Halbmast hängen, noch bereit zur zweiten Runde. Außerdem: Wer sagt denn, dass das Bruttosozialprodukt nur zwischen acht und fünf gesteigert werden kann? Vielmehr sind es die ewig eingefahrenen gesellschaftlichen Normen und Zwänge, die uns Langschläfer stigmatisieren. Und in Zeiten von Glühbirnen und gesicherter Stromversorgung sind diese doch wirklich längst überholt.

Welcher Frühaufsteher jetzt immer noch „Ausrede“ ruft und welche Nachteule sich trotzdem um sechs noch unbehaglich aus dem Bett schält, um nicht aufzufallen, dem oder der sei gesagt: Längst ist auch wissenschaftlich bewiesen: Die innere Uhr, genauer gesagt der Biorhythmus eines Menschen, bestimmt, ob er quietschfidel morgens um halb sechs aus den Federn springt oder eben zur gleichen Zeit aus der Disco tanzt. Den Gewinn, den jemand für die Gesellschaft bringt, den sollte man lieber an anderen Aspekten messen.

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