Schreib mal wieder

Wie hab ich mich gefreut, als ich letztens beim Rumkramen in einer alten Kiste Überbleibsel einer langgehegten Briefreundschaft nach Amerika fand. Zum Teil war ich zwar auch peinlich berührt über das, was man sich damals alles so mitgeteilt hat. Trotzdem sind es bleibende Erinnerungen: Etwa die glattgestrichene Ein-Dollar Note, die in einem Brief steckte – nicht nur ein Stück Papier, sondern ein Stück meiner Lebensgeschichte. Eine Erinnerung an jemanden, der mich einige Zeit begleitet hat, und es zuckte mir in den Fingern, nochmal das edle Briefblöckchen rauszunehmen und mit einem Füller in Schönschrift ein paar Zeilen zu Papier zu bringen. Ganz privat und nur für zwei andere Augen bestimmt. Eine schöne Vorstellung, oder?

Wann hat man denn zuletzt einen richtigen Brief bekommen? In Zeiten von Whats App, Facebook und Twitter hat sich die Kommunikation drastisch verändert. Während man früher Parfüm auf rosafarbene Liebesbriefe sprühte, verschickt man heute kurz ein paar virtuelle Herzchen, oder verlinkt mal schnell jemanden unter einem lustigen Facebook-Post, mit dem Spruch „Du bist alt, wenn du das noch kennst“. Ich bin nicht alt – ich bin retro. Aber ich kenne tatsächlich noch die Zeiten, als ein „Handy“ noch groß wie ein Backstein war und das Wort Flatrate noch gar nicht erfunden.

So lange ist das alles also noch gar nicht her. Aber wie eine Supernova haben sich die Social Networks ausgebreitet und dabei gefühlt alles Zwischenmenschliche eingesogen. Vieles ist Fortschritt: Die Adresse meines Brieffreundes aus Amerika zum Beispiel ist bestimmt schon lange nicht mehr aktuell. Über Facebook finde ich ihn mit zwei Klicks, sehe, was er beruflich macht, wie er seine Freizeit verbringt, mit wem er inzwischen verheiratet ist, was er zu Mittag gegessen hat… Manches hat einen hohen Unterhaltungswert, zumindest die Katzenvideos, die ich mir in der Mittagspause reinziehe. Aber der größte Teil der Kommunikation im interaktiven Äther ist inzwischen so schnelllebig, dass er sich selbst der Belanglosigkeit preisgibt. Selbst bei den „seriösen“ Seiten hat man inzwischen das Gefühl, es geht immer weniger um den Inhalt – was zählt sind Klicks, Likes und Follower. Publikumswirksame Meinungsmache macht sich gut im Profil. Herrlich, wie sich da manche Menschen über Nachbars-Hundekacka und andere lebenswichtige Themen aufregen können – virtuelle Stammtische und Kommentarverläufe nach dem Prinzip „Heute sinkt für Sie: das Niveau“. Womit wir beim nächsten Punkt wären. Während sich alle Regeln der deutschen Rechtschreibung so allmählich in Wohlgefallen aufzulösen scheinen, geht es hier auch mit Respekt und Streitkultur auf Talfahrt.

Dabei könnte alles so einfach sein: Wie wär es denn, den Nachbarn direkt auf Schnuffis Hinterlassenschaften anzusprechen – oder nochmal den guten alten Füller aus der Schublade zu holen und Tante Erna, die es mit ihren 87 Jahren noch nicht auf Facebook geschafft hat, einen lieben Brief zu schreiben. Mit einer ganz eigenen Handschrift. Ohne Affen-Smiley.

 

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